„München – Das Abkommen“ von Robert Harris

Vor 25 Jahren ließ Robert Harris in seinem Romandebüt “Fatherland”   Nazideutschland den zweiten Weltkrieg gewinnen. Jetzt kehrt der britische Autor, der sich zwischenzeitlich mit historischen Stoffen einen Namen gemacht hat, zum Thema zurück, beschäftigt sich mit der Vorgeschichte des zweiten Weltkriegs und bürstet mit seinem Roman über das Münchner Abkommen von 1938 wieder Geschichte wider den Strich.
Frankreich und England hatten damals, trotz Bündnisverpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei, Hitlers Drohung dort einzu-marschieren, nachgegeben und der Abtretung des Sudetenlands mit seiner überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung an Deutschland zugestimmt. Für die Geschichtsbücher ist seither unstrittig, Adolf Hitler hat mit diesem Abkommen vor allem den britschen Premierminister Neville Chamberlain über den Tisch gezogen. Eine Einschätzung, die Robert Harris überhaupt nicht teilt. Er sieht in Chamberlain einen von der Geschichte unfair behandelten Staatsmann, keineswegs den naiven Verlierer der Münchner Verhandlungen, sondern den Mann, der als taktischer Sieger  den Verhandlungstisch verlassen hat. Harris ist wie Chamberlain überzeugt, dass Hitler schon 1938 Krieg wollte. Mit dem Münchner Abkommen habe Chamberlain dies verhindert und zumindest ein Jahr Zeit gewonnen, Zeit, die England dazu nutzte, aufzurüsten und militärisch für die kommende Auseinandersetzung mit Deutschland überhaupt gewappnet zu sein.
Seine Interpretation der Fakten kleidet Robert Harris in die Form eine Polithtrillers. Für die Romanhandlung lässt er zwei Diplomaten zu den jeweiligen Delegationen gehören, die sich kennen, während des gemeinsamen Studiums in Oxford Freunde waren: Hugh Legat begleitert Chamberlain als Sekretär nach München, Paul von Hartmann ist als Mitarbeiter im Auswärtigen Amt dabei. Von Hartmann, Mitglied einer Widerstandsgruppe, will versuchen, über Legat an Chamberlain heranzukommen und ihm ein Protokoll zu überreichen, das Hitlers Kriegsvorbereitungen dokumentiert. Sein Ziel: Den englischen Premier davon abzuhalten, seine Unterschrift unter ein Abkommen mit Hitler zu setzen.
Dass ihm das nicht gelingt darf an dieser Stelle verraten werden, ohne dem Leser die Spannung zu nehmen. Ein Roman, der sich mit dem Münchner Abkommen beschäftigt, kann nur begrenzt spannend sein, der Ausgang der Verhandlungen ist schließlich hinlänglich bekannt. Der Roman bezieht seinen Reiz aus dem Tatbestand, dass Harris, im Gegensatz zu “Fatherland”, Geschichte diesmal nicht umschreibt, sondern anders interpretiert.

Robert Harris: München, 432 Seiten, Heyne Taschenbuch

Roland Heinrich, Leser

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