„Dunkelheit, nimm meine Hand“ von Dennis Lehane

Die Psychiaterin Diandra Warren hat sich in ihrer Angst an Patrick Kenzie und Angela Gennaro gewandt. Anonym wurde ihr ein Foto ihres Sohnes Jason zugeschickt. So pflegt in Boston die irische Mafia ihre Morddrohungen zu übermitteln. Die beiden Detektive beschatten Jason. Da wochenlang nichts passiert, ziehen sie sich wieder zurück. Kurz darauf wird Jason ermordet.
Es ist der Auftakt einer brutalen Mordserie, deren Grausamkeit sich von Mal zu Mal steigert. Bei einer jungen Frau, die von ihrem Mörder gekreuzigt wurde, findet sich eine Visitenkarte von Patrick Kenzie. Es bleibt nicht sein einziger Berührungspunkt zu der Mordserie in Dorchester, jenem Bostoner Viertel in dem er aufwuchs und heute noch lebt. Für Polizei, FBI und auch die beiden Detektive selbst wird immer offensichtlicher, das Motiv der wahnwitzigen Morde liegt in der Vergangenheit und muss mit Kenzie zu tun haben. Die Spuren führen nämlich nicht nur zu einem Serienkiller, der ebenfalls in Dorchester zu Hause war, jetzt aber schon seit Jahren im Gefängnis sitzt, sondern auch zu einer Bürgerwehr, die sich hier vor 25 Jahren gebildet hatte und an deren Spitze Kenzies Vater stand. Für die Öffentlichkeit der allseits geschätzte Chef der Feuerwehr, für Patrick der Vater, der sich, dank ausgedrückter Zigaretten auf dem Bauch, für immer nicht nur auf dem Körper des Sohnes eingebrannt hat. Jahrzehnte später konfrontiert der Mörder Patrick Kenzie mit Sünden seines Vaters, denen auch andere ausgesetzt waren.
Vor knapp 20 Jahren hatten deutsche Krimileser erstmals Gelegenheit Patrick Kenzie und Angela Gennaro kennenzulernen. Im Ullsteinverlag erschienen um die Jahrtausendwende die sechs Romane von Dennis Lehane, in deren Mittelpunkt das taffe Bostoner Ermittlungspärchen steht. Damals mehrfach unter den Trägern des Deutschen Krimipreises blieb Lehane hierzulande ein Geheimtipp, obwohl in Hollywood die Regisseure Schlange stehen, um seine Romane zu verfilmen. Die damaligen Romane sind längst vergriffen, seit dem vergangenen Jahr unternimmt der Diogenes-Verlag einen erneuten Anlauf, einen von der internationalen Kritik hochgelobten Autoren dem deutschen Publikum nahezubringen. “Dunkelheit, nimm meine Hand” ist der zweite der sechs Bände, die nun in völlig neuer Übersetzung vorliegen. Es ist kein Stoff für zart besaitete Naturen, Lehane mutet seinen Lesern einiges zu. Die Gewalt, die er beschreibt, ist im Gegensatz zu vielen skandinavischen Kriminalromanen allerdings kein voyeuristischer Selbstzweck. Was Menschen Menschen aus purer Mordlust antun, ist hier eingebettet in eine abgründige Geschichte von Gewalt und Schmerz, von Schuld und Sühne.

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. 512  Seiten, Diogenes

Roland Heinrich, Leser

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