„Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ von Oliver Bottini

Im rumänischen Temesvar wird Lisa, die Tochter von Jörg Marthen, einem deutschen Großgrundbesitzer, ermordet. Marthen war nach Westrumänien gekommen, weil ihn zuhause in Mecklenburg, in Prenzlin, nach Auflösung der LPG die neuen Herren ausgetrickst hatten. Zusammen mit Maik Winter, der, nachdem er bei einem Sandsturm auf der Autobahn seine Familie, Frau und zwei Kinder, verloren hatte,  seinem Greund nach Rumänien gefolgt war, betreibt er seinen Hof, den er nostalgisch Neu-Prenzlin nennt. Marthen macht Landhandelsgeschäfte gegen die Konkurrenz aus Österreich, Dänemark und Saudiarabien, die in großem Stil rumänisches Ackerland aufkaufen.

Für den Mord an Lisa gibt es schnell einen Verdächtigen, ihren Freund Adrian, einen Feldarbeiter, der verschwunden ist. An seinen Kleidern werden Blutspuren entdeckt, Spuren von Lisas  Blut. Mit den Ermittlungen betraut ist Kriminalkommissar Ioan Cozma, der kurz vor der Pensionierung steht und sich fragt, warum ausgerechnet er mit dem Fall beauftragt wird, obwohl er im Visier der Kommission zur Aufklärung kommunistischer Verbrechen steht. Cozma, Sohn eines jüdischen Naziopfers, hatte noch zu Ceausescus Zeiten einen Mann gefoltert, der, was er nicht wusste, an den Folgen starb. In Akten ist dies festgehalten. Auch wenn das Ceauscesu-Regime verschwand, die Akten existieren noch. Wer die Akten besitzt, kann Druck ausüben. Das bekommt Cozma zu spüren. Vor allem als klar wird, Adrian kann nicht Lisas Mörder sein und die Ermittlungen Cozma und seinen Kollegen Cippo bei der Suche nach dem tatsächlichen Mörder und seinen Hintermännern den neuen Machtzirkeln immer näher kommen lasssen.
Dass Oliver Bottini politisch brisante Stoffe in blitzgescheite Kriminal-romane packt, hat der gebürtige Nürnberger, der heute in Berlin lebt, in der Vergangenheit hinreichend bewiesen. Mit seiner Reihe um die Freiburger Kommissarin Louise Boní ebenso wie mit Romanen, bei denen es beispielsweise um Waffenlieferungen nach Algerien oder die Kriegsverbrechen in Kroatien ging. Immer gelingt es ihm, komplexe politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu einem packenden Plot zu verdichten. Auch jetzt wieder, in dem so spröde titulierten Roman “Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens”, der vom Landraub der Agrarkonzerne und den einschneidenden Veränderungen in Europa nach 1989 erzählt. Sein Roman hat die Jury des von Krimikritikern, Literaturwissenschaftlern und Buchhändlern vergebenen Deutschen Krimipreises so beeindruckt, dass sie ihn für 2018 national auf den ersten Platz setzte. “Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens” sei,  heißt es unter anderem  in der Laudatio, sei“ ein Roman, den jeder lesen sollte”. Zumindest all, die gerne exzellente Kriminalromane lesen, darf angefügt werden. Denn:  “Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens” ist ein ganz großer Wurf.

Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens,414 Seiten, Dumont

Roland Heinrich, Leser

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