„Das kalte Blut“ von Chris Kraus

Konstantin Solm liegt 1974 mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus.
Möglicherweise ist  es das Kleinkaliberprojektil selbst unter seiner Schädeldecke, aber noch wahrscheinlicher sein hochemotionaler Hippie-Zimmernachbar,  der Konstantin dazu bringt,  seine Lebens- und Familiengeschichte so mitreißend für den Zuhörer und so therapeutisch für sich selbst, aufzublättern. Die Geschichte beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts im Baltikum, genauer gesagt in der lettischen Hauptstadt Riga. Die deutschbaltische Familie Solm erlebt und überlebt (bis auf Großpaping, der von den Bolschewiken wegen eines Apfels ertränkt wurde) die russische Revolution, wird kurz darauf durch die beiden Brüder Hubert (auf ewig der Ältere,  der Macher und Bestimmer) und Konstantin (immer der Jüngere, Zartere und Feinsinnigere) verjüngt und im Laufe des Ersten Weltkrieges durch das russischdeutschjüdische Waisenmädchen  Ev bereichert. Konstantin findet in der gleichaltrigen Ev, beide noch Kinder, die Liebe seines Lebens.  Und genau diese Herzensbeziehung, dieses Beschützenwollen auf ewig,  zieht die beiden Brüder (denn auch Hubert verliebt sich später in Ev) überhaupt in diesen wahnsinnigen Sog, der sie dazu bringt, Nazideutschland auf seinem unaufhaltsamen und perversen Weg der Vernichtung und Zerstörung, teils ungewollt, teils ganz berechnend,  zu unterstützen.
Wie Konstantin Solm überhaupt  Mitglied der SS-Einsatztruppen wurde und nach dem Krieg zur CIA gelangen konnte, dieses Grübeln über „Wie konnte das alles nur passieren?“ und das Nachdenken über die Frage „Wie hätte ich mich verhalten?“, das Zusammenpuzzeln der eigenen Familiengeschichte und vor allem die fast unheimlich ironisch-zynische,  teils manierierte und doch berauschende Erzählweise, macht „Das kalte Blut“ zu einem großartigen Buch über Familientreue, Lügen,  Menschsein und über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.

erschienen im diogenes Verlag, 32,-€

Johanna Mildner

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